Aspekte der Handzeichnung mit Licht

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Animation
Durch die Aneinanderreihung von unmittelbaren fotografischen Aufnahmen der mit Licht ausgeführten Zeichnungen werden diese zu einer Animation, einem digitalen aus Einzelaufnahmen zusammengesetzten Video. Da von der eigentlichen Zeichnung nur die langzeitbelichteten fotografischen Aufnahmen existieren, sie selbst aber reiner Prozess bleibt, bildet das Video faktisch allein die Zeichnung im klassischen Sinne ab und tritt als Original an deren Stelle. Zumal das Zeichenmaterial des ursprünglichen Zeichenaktes im Film physikalisch gesehen das gleiche bleibt. Das Format »Zeichnung« wird hier um den Faktor »Zeit« erweitert.

Ausschnitt
Das Format der Fotografien ist wie das der Zeichnung im eigentlichen Sinne zweidimensional. Ihre Erfassung durch den Betrachter erfolgt ohne eine Berücksichtigung der Zeit, die der Künstler gebraucht hat, sie zu realisieren. Kommt nun aber mit dem Faktor »Zeit« bei der fotografischen Dokumentation der Lichtzeichnung eine weitere Dimension hinzu, so wird plötzlich die ›Dauer‹ der Realisierung der Lichtzeichnung relevant, also die Zeit, die zu ihrer klassischen Formulierung auf dem Zeichengrund eingesetzt werden muss. Im klassischen Prozess der Handzeichnung spielt dieser Faktor eigentlich keine Rolle. Hier jedoch wird durch den Faktor ›Zeit‹ die Zeichnung an sich von ihrem Ergebnis her neu definiert. Gerade bei den »Interaktiven Zeichenperformances« mit mehreren Fotografierenden ist dies der Fall. Auch bei der Videoaufnahme einer Lichtzeichnung kann ein Ausschnitt des Zeichenaktes mit einer Fotokamera mit Langzeitbelichtung synchron festgehalten werden. Die ›Zeit‹ bestimmt hier ganz plötzlich die Erscheinung der Zeichnung.

Autorschaft
Wenn Zeichner und Fotograf dieselbe Person sind, ist die Autorschaft klar. Bei der »Interaktiven Zeichenperformance« jedoch zeichnet der Künstler mit einem oder beidhändig mit zwei Laserpointern in einem verdunkelten Raum auf eine Projektionsleinwand oder auf eine Wand mit einer gestalteten oder der Wand inhärenten Struktur. Mehrere Fotografen nehmen hier das zeichnen mit Licht mit Langzeitbelichtung auf. Zeichner und Fotografen werden so zu gemeinsamen Autoren des Ergebnisses, das sich nur im technischen Gerät manifestiert.

Existenz
Die Handzeichnung mit Licht ist im eigentlichen Sinne nicht existent; sie ist immateriell. Man sieht den Akt des Zeichnens, die Dynamik und die Bewegung des Lichtpunkts als die kleinste Einheit der die Zeichnung im eigentlichen Sinne konstituierenden Linie. Man sieht vor allem die Aktion des Künstlers, den Akt der Hervorbringung, nicht jedoch den Inhalt der Zeichnung bzw. die Zeichnung an sich.

Materialität
Licht hat keine eigene, erfahrbare Materialität. Somit zeigt sich in der der Lichtzeichnung stets eine Wechselwirkung mit der Materie, die als Reflexionsgrund dient, und die den Lichtstrahl und seine Streuung sichtbar werden lässt. Der Lichtstrahl des Lasers ist dabei energetisch konstant gleichbleibend. Die Dynamik der gezeichneten Linie und der Duktus des den »Lichtstift« führenden Künstlers zeigt sich durch die Geschwindigkeit des Lichtpunktes und durch die Materialität, die Beschaffenheit des Untergrundes der Zeichenfläche: Zweige, Äste, Sträucher, Halme oder Blüten etc. sind in der Natur für sich schon von ihren Strukturen her natürliche Zeichnungen, die nun wiederum zum Bildträger, zur Zeichenfläche der Lichtzeichnung werden.

Originalität
Mehrere Fotografen zeichnen in der »Interaktiven Zeichenperformance« mit verschiedenen Fotokameras mittels individueller Einstellungen aus unterschiedlichen Positionen dieselben Lichtzeichnungen auf. Die Fotografierenden benutzen ihre Kamera als Visualisierungshilfe. Nur so lässt sich die Zeichnung an sich sichtbar machen. Doch entstehen auf diesem Wege soviele Originale wie Fotografen beteiligt waren, zwar von unterschiedlicher Qualität und möglicherweise mit jeweils anderen Ausschnitten und Zuständen der Zeichnung, aber dennoch als originale Kunstwerke.

Rezeption
Der Zeichner sowie alle anderen, an den Performances Beteiligten auch, sieht nur die Bewegung des Lichtpunkts. Er vermutet den Inhalt, weiß aber nichts von der Qualität und dem tatsächlichen Aussehen seiner Arbeit. Unter Umständen sieht er die Ergebnisse auch gar nicht. Ob er sie goutiert steht auf noch einem anderen Blatt. Die Grenzen der Wahrnehmung in der Handzeichnung und ihre mediale Verschiebung sind unter anderem das Thema in den Zeichnungen mit Licht.

Symbiose
Die Zeichnung mit Licht wird nur durch eine als Langzeitbelichtung realisierte Fotografie in ihrer ausgeführten Form sichtbar gemacht und auf diesem Weg mit einer eigenen, dauerhaften Existenz versehen. Sie ist somit das Ergebnis der Symbiose von Zeichenakt und Fotografie.

Unschärferelation
Die Thematisierung der Unmöglichkeit mit einem Aufnahmegerät gleichzeitig den Zeichenakt und den Inhalt einer Handzeichnung mit Licht aufzuzeichnen. Man kann entweder die Bewegung des Lichtpunktes oder den Inhalt aufnehmen.

Video
Neben den Videoanimationen ist eine bestimmte Art von Video als Zeichnung ein anderer innovativer Ansatz von Klaus Maßem zu begreifen. Keinesfalls sind damit Videos gemeint, die mit oder über das Zeichnen entstehen. In solchen Filmen lässt sich hier nur der Akt des Zeichnens selbst abbilden, also das, was das menschliche Auge per se bereits beim Lichtzeichnen beobachten kann: die Dynamik und die Bewegung des Lichtpunkts. Nicht aber thematisiert werden können die Form und der motivische Inhalt der Lichtzeichnung. Denn auch im Film bleibt der Lichtpunkt, der »Duktus der Linie« in Bewegung, bildet sich dessen Spur nicht ab. Langzeitbelichtete, simultan mit einer Fotokamera aufgenommene Ausschnitte derselben Lichtzeichnung, werden durch Montage in den Film synchron integriert. Nur so lassen sich Zeichenakt und Inhalt gleichzeitig betrachten. Die Zeichnung wird hier um die Dimension »Zeit« erweitert, da ihre Ausführung, Formfindung und ihr letztendliches Erscheinungsbild zusammenfallen und erkennbar werden.

Zeichnung
In der linearen Welt der Zeichnung ist Licht nicht von Bedeutung. In den Handzeichnungen mit Licht jedoch ist es selbst das Zeichenmaterial. Diese Polarität bildet die Grundlage, die Voraussetzung für diese spezielle Art der höchst unmittelbaren, intuitiven und spontanen Art zu Zeichnen. Die Schönheit der Linien zeigt sich in der Wechselwirkung des Lichtstrahls mit dem dreidimensionalen Zeichengrund und ist nicht digital zu generieren.