Vom Geistigen in der Kunst. Bemerkungen zu Zeichnungen von Klaus Maßem

von Walter Koschatzky, Wien

Der dabei wirksame Abstraktionsvorgang, ein Umsetzen von Zeichen zu Bedeutung, ist von sehr bedeutsamer Art. Gibt es doch in der greifbaren Welt der Wirklichkeit, in der sichtbaren Natur so gut wie ausschließlich Farbflächen, Raumtiefen und Körpermodellierungen; niemals aber besitzt ein Körper, ein Gegenstand, jene konturierende Umrißlinie, mittels derer er in der Linienzeichnung begriffen wird. Schon Leonardo da Vinci hatte die Körperlosigkeit der Linie beschäftigt: „non ha in se materia o sustantia alcuna …” schrieb er. Und Heinrich Wölfflin präzisierte dies in seinem Band „Dürerzeichnungen” mit einem berühmten Satz: „ln der Natur gibt es keine Linien!”, wobei er fortsetzte, daß Linien jedoch zwei Fähigkeiten besitzen: ein Kontur vermag sich als melodische Linie zu verselbständigen, heißt es hier, nämlich darstellen zu können und Ausdruck zu tragen: „… schön an sich, enthält er mehr noch: die Deutung der Form.”